Ein hybrider Kapitalfehler

Blogged under by admin on Friday 19 May 2006 at 2:00 pm

(heller november 2005)
In Wien wurde das Thema „Netzkultur“ lange Zeit mit der Organisation Public Netbase in Zusammenhang gebracht. Ohne Zweifel leistete diese einige Pionierarbeit in der Vermittlung von zeitgenössischer Praxis von Kunst und Kultur und lieferte wertvolle Beiträge zur Medienreflexion im Informationszeitalter. Lange war diese Initiative subventionierte Spitzenreiterin in diesem Bereich bis die Kürzungsmaßnahmen der herrschenden Politik in Kooperation mit den Förderstellen der Stadt und des Bundes die aufmüpfige Praxis Konrad Beckers, dem Chefideologen der Public Netbase zu einer Netbase kürzte. Dass die Fördersummen für eine Public Netbase ganz beachtlich waren, ist auch in Linz bekannt, wo kleinere Initiativen im Bereich Netz und Medienkultur ja Kummer gewohnt sind im Schattendasein eines Ars Electronica Centers.

Wie „public“ und zugänglich diese Initiative tatsächlich war, kann wohl eher die Netzkultur-Szene in Wien beurteilen. Tatsächlich scheint Public Netbase aber einige SzeneaktivistInnen aus Wien und dem näheren Umfeld schon länger vergrämt zu haben, so dass sich ein neues dynamisiertes, dezentralisiertes Kampfgeschwader an Ich- und Mini-AGs unter dem kollektiven Namen „netznetz“ formiert hat. Die auch der Linzer Szene vertrauten Floskeln von „Offenheit“, „Transparenz“, „Demokratie“ und „Innovation“ zierten die Einladung zu einem ersten Treffen, bei dem einige spezifische Themen behandelt und diskutiert werden sollten und zu dem auch Nicht-WienerInnen eingeladen waren teilzunehmen.

Trotz dieser Einladung und dem primären Interesse an vorgeschlagenen Themen nahmen an diesem ersten Treffen keine AktivistInnen oder Initiativen der Linzer Szene teil. Wie es der Zufall oft so will, war das auch gut so. Denn die neueste „Innovation“ von „netznetz“ ist ein Konzeptpapier für ein neues Fördermodell im Bereich „Netzkultur“ in Wien, welches in den letzten Wochen auch über die Grenzen von Wien für Verwunderung sorgte. In diesem Konzept werden sämtliche TeilnehmerInnen des ersten Treffens als „Beteiligte“ aufgelistet. Und das, obwohl einige nichts davon gewusst hatten, dass offensichtlich nach dem Treffen ein paar glorreiche InitiatorInnen und ProgrammiererInnen von „netznetz“ an einem Online-Ranking-System zu arbeiten begannen, welches – so muss man es verstehen – in Zukunft die Politik aus ihrer Verantwortung für eine gerechte Fördervergabe Sorge zu tragen, entlasten soll. Eine größere Freude kann man dem Wiener Kulturstadtrat Dr. Andreas Mailath-Pokorny wohl nicht machen. Ist er doch stolz auf solche tollen Open Source ExpertInnen, die Verantwortung und Arbeit übernehmen wollen. Die „Community“ (wobei noch nicht klar ist wer sich zu dieser „Community“ ausser „netznetz“ noch zählen wird können und müssen) soll über dieses fragwürdige neue „demokratische“ Tool online voten, welche eingereichten Konzepte förderwürdig zu bewerten sind und somit auch gleich über die Vergabe der von der Stadt Wien bereitgestellten Summe (250.000 Euro) entscheiden.

Was das alles mit Linz zu tun hat, liegt nahe. Der Wunsch dieser neuen Spezies im Outfit von MedienaktivistInnen während der Ars Electronica zum Thema „HYBRID“ präsent sein zu wollen, ist nachvollziehbar. Denn dieser „Dienstleistungsaktivismus“ geht über die normale Schizophrenie des Alltags hinaus. Es wird spannend, wer außer Gerfried Stocker, solchen AktivistInnen in Linz sonst noch ein Forum geben wird?

Quellen:
http://www.netznetz.at
http://www.teichenberg.at

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