Der 50jährige Intellektuelle und Ex-Schauspieler Alexander, der sich in die Einsamkeit der schwedischen Insel Gotland zurückgezogen hat, wird bei der Feier seines 50. Geburtstags mitsamt seinen Gästen von Zeichen eines sich ankündigenden Atomkriegs heimgesucht. Um den Untergang der Welt abzuwenden, bietet er sich in höchster Angst Gott als Opfer an und gelobt, sich von Haus und Familie zu trennen. Als das Unheil vorübergeht, macht er sein Versprechen wahr, zündet sein Haus an und wird stumm. Hoffnung verkörpert am Ende einzig Alexanders kleiner Sohn, der den anfangs gepflanzten, kahlen Baum weiter bewässert und der zum Schluß die rätselhafte Frage stellt: "Am Anfang war das Wort. Warum, Papa?" Tarkowskijs letzter Film ist als Parabel über den (möglichen) Untergang der Welt sowie über deren (mögliche) Rettung - durch die Kraft des Glaubens und den daraus erwachsenden Verzicht - zu interpretieren. Die Rettung bezieht sich aber nicht nur auf die drohende nukleare oder ökologische Katastrophe. Sie beinhaltet auch die Befreiung des Menschen aus der inneren Leere und Langeweile, der er, nach Tarkowskij infolge einer oberflächlichen, materialistischen Einstellung zum Leben, verfallen ist. Das Erlösungsverlangen ist bei den acht Figuren des Films allerdings sehr unterschiedlich ausgebildet. Im Gegensatz zu seiner hysterischen Frau und einem befreundeten Arzt, der blindlings seinem positivistischen Weltbild vertraut, vermag der resignierte Intellektuelle Alexander den inneren Ruf zur Einkehr und zur Umkehr zu hören und zu befolgen. Mit dem Vaterunser-Gebet und dem freiwilligen Verzicht auf sein Haus, das ihm ungeheuer wertvoll ist, versucht er, das Unheil abzuwenden. Das Hintergrundmotiv im Titelvorspann mit Ausschnitten aus Leonardo da Vincis "Anbetung der Könige" stellt diese Zeichenhandlung in den Zusammenhang der jüdisch-christlichen Heilsgeschichte hinein. Daran erinnern auch viele andere Motive und Andeutungen im Film. Neben der mystischen Vereinigung Alexanders mit seiner Magd Maria in einer merkwürdigen Nacht, auch das "Jungchen", das am Ende des Films den ersten Vers des Johannes-Prologs zitiert (Joh 1,1): "Am Anfang war das Wort", den zu Beginn des Films Alexander zu ihm gesprochen hatte, und "Jungchen" fragt: "Warum, Papa?" Mit langen und überlangen Einstellungen läßt Tarkowskij einmal mehr seine kontemplative Ästhetik zum Tragen kommen. Im Unterschied zu den Personen, die fest umrissene Bedeutungsträger zur Darstellung bringen, sind die verwandten Bildmotive vom Weg, vom Baum, vom Haus, vom Kind usw. mehrdeutig. Auch dadurch, daß sie, der platonisch-orthodoxen Tradition entsprechend, als Abbilder auf Urbilder verweisen, und damit Diesseitiges mit Jenseitigem, Endliches mit Unendlichem, Physisches mit Psychischem, die Erde mit dem Himmel sowie Träume, Alpträume und Realität miteinander verbinden. In diesem Sinne ist von den "erlittenen Landschaften" die Rede, weil die Aufnahmen aus dem Bereich der Natur (mit den vier Elementen) auch seelische Ebenen, bewußte und unbewußte, zum Ausdruck bringen (die Natur als Spiegel der Seele). Neben den visuellen gibt es in diesem Film auch eine reiche Palette von akustischen Klammern - mit Geräuschen und Signalen aus der Natur und der sie bedrohenden Kriegs- und Aggressionskultur, die mit Detonationen und Flugzeuglärm erfahrbar gemacht werden. Diese Sinneseindrücke werden durch eine präzis durchkomponierte Farbdramaturgie ergänzt. "Opfer" wurde 1986 in Cannes als Meisterwerk gefeiert. Der Film erhielt mehrere Preise, unter anderem den der Ökumenischen Jury. Eine zusätzliche Aktualität wurde dem Werk durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (26.4.1986) zuteil, die sich fast gleichzeitig mit dessen Uraufführung (9.5.1986, Stockholm) ereignete. Kritiker haben demzufolge auf die "Aura von Prophetie" hingewiesen, zumal Tarkowskij "Stalker" (1978/79) in der Nähe von Tschernobyl gedreht hatte. Mit dem Wahrnehmen dieser (Welt)-Apokalypse, die in Zukunft weitere nach sich ziehen kann, hat der krebskranke Tarkowskij auch das nahe Ende seines eigenen Lebens vorausgeahnt (gestorben am 29.12.1986 in Paris). Zudem spiegeln sich im Film die "bedrückenden Erfahrungen", die der Regisseur - in seinem Exil in Schweden, nachdem er von den sowjetischen Behörden 1983 zum Dauer-Exil genötigt wurde - "mit dem westlichen Materialismus machte". Von den geistigen, physischen und psychischen Verwüstungen, die dieser anrichtet, sollte "Opfer" die kommenden Generationen warnen. Deshalb hat Tarkowskij das Werk "in Hoffnung und Zuversicht" stellvertretend seinem 17jährigen Sohn Andrusja gewidmet.
Quelle: Lexikon des internationalen Films 1999/2000 (CD-ROM) Copyright 1999 Systhema Verlag, München