GLOCKEN GIESSEN STATT WAFFEN SCHMIEDEN "ANDREJ RUBLJOW" VON ANDREJ TARKOWSKIJ (1964-66) Autor(in): Ambros Eichenberger

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wird der Mönch Andrej Rubljow (ca. 1360 bis ca. 1430) Gehilfe des berühmten Ikonenmalers Theophanes. Er teilt dessen düstere Einstellung zum Leben nicht, auf keinen Fall will er dazu beitragen, Angst und Schrecken unter den Menschen zu verbreiten. Aber die Greuel des Tatarensturms erschüttern ihn so stark, daß er ein Schweigegelübde ablegt und aufhört zu malen. Erst durch die aufwühlende Begegnung mit einem jungen Glockengießer findet er wieder zu seiner Kunst, zu seiner Freiheit und zu seiner Kreativität zurück. Der in acht Episoden, einen Prolog und einen Epilog gegliederte Film lebt unter anderem von der Spannung zwischen den grausamen äußeren Kämpfen gegen die Tataren und der inneren Auseinandersetzung um Freiheit und Unabhängigkeit, die der Künstler mit sich selbst (und mit seinem Gewissen) führt. Die religiöse Dimension wird dabei schon dadurch offensichtlich, daß der russische Regisseur Andrej Tarkowskij (1932-1986) zur Darstellung dieser Künstlerproblematik einen Vertreter der religiösen Malerei zur Hauptfigur seines Films machte. Diese definiert sich nicht nur durch die Konzentration auf biblische und theologische Stoffe (z.B. Jüngstes Gericht und Dreifaltigkeit), sondern auch durch die innere Berufung und Motivation des Künstlers. Denn im Unterschied zu den Gepflogenheiten im profanen Bereich malt er nicht im Interesse eines Auftraggebers, sondern weil die Liebe und der Wille zur Verherrlichung Gottes durch die Kunst ihn dazu drängt. Der kreative Prozeß bzw. seine Früchte sind das Ergebnis eines langen, harten und asketischen Ringens des Malers mit sich selbst: gegen Resignation, Versuchungen und Schuld! Die Läuterung und die Erlösung, die ihm durch die Passion geschenkt werden, vermögen um so stärker zu überzeugen. Obwohl der Film im Kontext des russischen Mittelalters spielt, bleibt er in keiner Weise einer historisch orientierten Ästhetik verhaftet. Ziel bleibt nicht die "museale Restauration" der Vergangenheit. Es besteht vielmehr darin, den "meta-physischen" oder "meta-historischen" Gehalt einer Epoche bzw. aller Epochen freizulegen. Der (ewige) Kampf der bösen totalitären Kräfte mit den geistigen und guten Mächten wird demzufolge mit düsteren oder lichtvolleren (farbigen) Visionen auf die Leinwand gebannt. Bemerkenswert sind die gleichnishaften Bildmetaphern vom Höhenflug (mit Absturz und Tod) im Prolog und vom Gießen der Glocke am Ende des Films. Nicht nur weil sie für die kinematographische Sprache Tarkowskijs insgesamt charakteristisch sind, sondern weil sie, poetisch verdichtet und sinnlich wahrnehmbar, die philosophischen und ethischen Leitmotive, die seinem Schaffen zugrunde liegen, zum Ausdruck bringen. Das 1964-66 entstandene Werk ist von der sowjetischen Kulturbürokratie bis 1971 unter Verschluß gehalten worden. Mit der Begründung, es sei "künstlerisch unausgereift". Um so größere internationale Anerkennung ist ihm dann nach der Freigabe für den Export zuteil geworden. "Andrej Rubljow übertrifft alle Filme, die die UdSSR in den letzten Jahren produzierte, an Eigenwilligkeit, poetischer Kraft, Geschlossenheit der Struktur, Aktualität und Mut..." (U. Gregor). Heute findet man das Werk auf der Liste der zehn besten Filme der Welt.

Quelle: Lexikon des internationalen Films 1999/2000 (CD-ROM) Copyright 1999 Systhema Verlag, München