ZU SICH SELBST FINDEN "SOLARIS" VON ANDREJ TARKOWSKIJ (1971/72)

Autor(in): Ambros Eichenberger

Der Film entstand in freier und eigenwilliger Anlehnung an den 1961 in Krakau erschienenen Roman "Solaris" des polnischen Autors Stanislaw Lem. Er handelt von den Geschehnissen auf einer Forschungsstation über der Solaris, einem viele Lichtjahre entfernten Planeten. Kris Kelvin, ein russischer Psychologe, bekommt den Auftrag, sich zu dieser Raumstation zu begeben. Nach seiner Ankunft entdeckt Kris, daß von den von 24 auf drei reduzierten Besatzungsmitgliedern nur noch zwei leben, die aber offensichtlich geistesgestört sind. Der Dritte beging Selbstmord. Die Station selbst ist in einem chaotischen Zustand, überall liegen lose Kabel und zertrümmerte wissenschaftliche Instrumente. Kris ist überrascht, einer mysteriösen Frau zu begegnen, die seiner Frau, die sich vor Jahren umgebracht hatte, gleicht. Dies ist nur der Anfang einer Reihe von seltsamen Erfahrungen, die durch eine geheimnisvolle Fähigkeit des Planeten Solaris entstehen. Tarkowskij selbst hat darauf hingewiesen, daß "Solaris" nicht unter den Gesichtspunkten eines Science-Fiction-Films zu lesen ist, schon deshalb, weil er auf die special effects, die diesem Genre eigen sind, verzichtet. Wichtiger als die Erforschung des Weltraums und der Weltraumstation ist ihm die Erforschung der menschlichen Seele. Dabei interessiert vor allem die Frage nach den Möglichkeiten und den Grenzen der menschlichen Erkenntnis im Spannungsfeld von Wissen(schaft) und Moral. Verdeutlicht wird unter anderem, daß der Mensch nicht alles darf, was er technologisch und naturwissenschaftlich kann. Im Vordergrund steht dabei der Appell an die moralische Verantwortung des einzelnen. Auf dem Hintergrund der damals vorherrschenden sowjetischen Kollektivmoral ist das nicht so selbstverständlich, wie es von einigen (westlichen) Kritikern - im nachhinein - hingenommen wird. Vor allem von jenen die einzelne Passagen, im abwertenden Sinn und etwas voreilig, als "Predigt über Schuld, Verantwortung, Gewissen und Moral" charakterisieren. Durch die Konfrontation mit seiner eigenen (privaten) Vergangenheit wird die Hauptfigur aus diesen Konventionen herausgeholt und zu einem meditativen Innehalten gezwungen, das einen Läuterungsprozeß auslöst und Sehnsüchte weckt: nicht nach einem Abenteuer im Weltraum, sondern nach einer Rückkehr und einem neuen Leben auf der Erde. Parallel zur Reise nach außen entwickelt sich also die Reise nach innen, die durch die Aufarbeitung von vergangener Schuld zu Erlösungserfahrungen, wenn nicht sogar zur Christus-Nachfolge führt. Sie werden wie in anderen Tarkowskij-Filmen mit der Metapher vom väterlichen Haus angedeutet, das hier in einer vorfrühlingshaften Landschaft zu sehen ist. Von religiös-theologischen Gesichtspunkten her betrachtet, ist "Solaris" als metaphysische Meditation über die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis und deren Verantwortung zu positionieren. -sthetisch wird sie mit einer kühnen, assoziativen Filmsprache ins Bild gesetzt. Einerseits durch das Einfangen der "verlorenen und versiegelten Zeit" mit den seelischen Zuständen von Einsamkeit und Orientierungslosigkeit - und andererseits durch die farbig träumenden Spiralen der Ozeangallerte, die dem Film einen eigenen Rhythmus verleiht. So kommen die eigenen Empfindungen (des Regisseurs und des Zuschauers) beim Betrachten eines Objekts, und nicht nur das Objekt selbst, zum Zug - wie das Tarkowskijs Bildphilosophie entspricht. Im Unterschied zu anderen Tarkowskij-Filmen wurde "Solaris" von den sowjetischen Kulturbehörden unverzüglich nach seiner Fertigstellung (1972) nach Cannes geschickt, wo er mit einem Großen Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Spekulationen auf das große (Devisen-)Geschäft haben dabei mitgespielt, denn mit Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" (1965-68) und anderen Werken hatte das westliche Kino Maßstäbe für das Genre gesetzt und Interesse dafür geweckt. Davon hoffte man auch in der UdSSR zu profitieren. Mit wechselhaftem Erfolg, denn die Rezeption von "Solaris" war recht unterschiedlich. In Griechenland z.B. ist der Film sehr populär geworden, in anderen Ländern dagegen kam er erst sehr spät ins Kino und wurde trotz der starken schauspielerischen Leistungen als "etwas spröde" und "zu verschlüsselt" empfunden.

Quelle: Lexikon des internationalen Films 1999/2000 (CD-ROM) Copyright 1999 Systhema Verlag, München