STALKER
Autor(in): Josef Lederle

Die Filme des russischen Regisseurs Andrej Tarkowskij (1932-1986) sind erratische Monumente in der weiten Landschaft des Erzählkinos, weil sie keine erschöpfende Interpretation erlauben, sondern vielmehr Rätsel aufgeben, deren Lösung nicht im Ergebnis, sondern in einer intensiven Beschäftigung mit ihnen zu liegen scheinen. Unter den siebeneinhalb abendfüllenden Arbeiten Tarkowskijs nimmt der 1979 fertiggestellte "Stalker" eine gewisse Sonderrolle ein, da er der letzte in der Sowjetunion realisierte Film ist (Tarkowskij emigrierte 1983 nach Italien) und auf der Handlungsebene einen relativ stringenten Plot erzählt, der erst durch die für Tarkowskij typische filmische Gestaltung eine faszinierende Multidimensionalität erfährt. Nach Motiven einer "utopischen Erzählung" von Arkadi und Boris Strugazki ("Picknick am Wegesrand") handelt "Stalker" von einer "verbotenen Zone" mit einem Haus, in dem die innersten Wünsche in Erfüllung gehen sollen, und einem Mann, der sich berufen fühlt, Menschen dorthin zu geleiten. Obwohl der Stalker (das Wort ist vom englischen to stalk für pirschen, heranschleichen, abgeleitet) dafür bereits im Gefängnis saß, kann er nicht anders, als erneut zwei Männer, einen Schriftsteller und einen Wissenschaftler, in das von Soldaten hermetisch abgeriegelte Areal zu führen. Über die Herkunft der Zone gibt es nur Mutmaßungen; von einem Meteoriten ist die Rede, aber auch eine Katastrophe scheint nicht ausgeschlossen. Unter Lebensgefahr dringen die Drei auf einer Draisine in die menschenleere Wildnis ein, die deutliche Spuren einer nachzivilisatorischen Epoche aufweist: von üppiger Vegetation überwucherte Industrieanlagen, vermodernde Skelette in aufgeborstenen Militärfahrzeugen, naßkalte Reste und Ruinen ehemaliger Siedlungen. Die Zone sei ein sich ständig veränderndes System aus Fallen und Gefahren, der man mit Respekt und Demut begegnen müsse, klärt der ängstliche Führer seine Begleiter auf, die er auf Umwegen und Schleichpfaden zu ihrem Ziel lotsen will. Der Schriftsteller allerdings, ein eitler, geschwätziger Zyniker, hält die Warnung des Stalkers für leeres Geschwätz und will auf direktem Weg auf das geheimnisvolle Zimmer zueilen, wird von einer unbekannten Stimme aber zurückgehalten. Durch Röhren und Schächte tastet sich das Trio vorsichtig weiter vor, bis der Wissenschaftler seinen Rucksack vermißt und sich eigenmächtig auf die Suche macht. Obwohl die beiden anderen aus Furcht nicht auf ihn warten, stoßen sie in einem wasserumtosten Gewölbe wieder auf ihn. Selbst durch "Fleischwolf", ein graubraunes, unterirdisches Kanalsystem, gelangen sie unbeschadet, um schließlich erschöpft und am Ende aller physischen und psychischen Kräfte vor dem gesuchten Ort zu stehen. Hier zieht der wortkarge Wissenschaftler plötzlich eine Bombe aus der Tasche, um das Gebäude zu zerstören, läßt nach heftigem Ringen mit dem Stalker aber davon ab. Auch der Schriftsteller schreckt davor zurück, das Ziel der gefährlichen Reise zu betreten, weil ihm vor seinen innersten Gedanken graut. Zurück aus der Zone, verzweifelt der Stalker am Unglauben seiner Gefährten, während seine Frau ihn (und den Zuschauer) mit dem Gedanken tröstet, daß das wahre Maß menschlichen Glücks immer zwischen Kummer und Hoffnung angesiedelt sei. Wie das gesamte Oeuvre Tarkowskijs neigt auch der 163minütige "Stalker" zu einer kontemplativen Filmsprache, der Überraschungen oder handgreifliche Aktionen gänzlich fremd sind. Die ungeheure Spannung, von der diese mystische Reise in einen exterritorialen Raum (oder einen inneren Zustand) getragen ist, resultiert aus dem einzigartigen Stil Tarkowskijs, der mit äußerst subtilen filmischen Gestaltungsmitteln ein Höchstmaß an Intensität und Präsenz kreiert, dem sich auch Freunde schneller Genres nur schwer entziehen können. Obwohl faktisch kaum etwas passiert, vermittelt sich durch das ausgeklügelte Verhältnis von Detailaufnahmen und Halbtotalen, die extrem nuancierte Farbgebung und kaum wahrnehmbare Kameraoperationen ein beständiges Gefühl der Gefährdung, eine amorph-poröse Endzeitstimmung, die zwischen düsterem Pessimismus und der hauchdünnen Chance auf einen neuen Anfang unruhig oszilliert. Mit traditionellen SF-Filmen teilt "Stalker" allerdings nur die Ausgangsidee; für Exotisches oder Sensationelles ist in dieser philosophischen Parabel keinerlei Platz. Anstelle des Fantastischen fügt Tarkowskij eine Reihe von literarischen Texten, Gedichten, Sinnsprüchen und klassischen Musikstücken ein, die sich mit der mehr aus Tönen und Geräuschen als aus Melodien bestehenden minimalistischen Film"musik" zu einer fast eigenständigen Erzählebene verbinden, die mit der Handlung in eine spannungsreiche Korrelation tritt. Die Themen, die dabei anklingen, reichen von der Suche nach persönlichem Glück bis zu dem ganzer Gesellschaften; jede Figur steht - vielfach gebrochen - für zeitgenössischen Haltungen; glühender Idealismus streitet wider einen empirischen Pragmatismus, ängstliche Moralität gegen aufgeklärten Fatalismus oder uneingestandenen Größenwahn. Tarkowskijs eigener rigoroser Glaube an die Kunst, der ihn zum Erben der deutschen Romantik macht, läßt zwar gelegentlich Parallelen zwischen Regisseur und Hauptfigur aufscheinen; doch seine außergewöhnliche Begabung erweist sich auch darin, das eigene Leiden an der "Ungläubigkeit" des Publikums als eine Note unter vielen in die Gesamtkomposition des Films einzubinden. Daß der ebenso epische wie enigmatische "Stalker" ein kaum überschaubare Vielzahl von widersprüchlichen Deutungen erfahren hat, die alle gute Gründe für sich in Anspruch nehmen können und in denen der Film unter anderem als politische oder gesellschaftliche Parabel, als ökologischer Appell, tiefenpsychologisches Inividuationsdrama oder religiöses Mysterienspiel ausgelegt wurde, spricht überzeugend dafür, daß sich einer seiner Grundimpulse tief in die Rezipienten eingegraben hat: die Lust und Notwendigkeit am Fragen und der Suche nach dem Sinn. Denn wie alle anderen Filme Tarkowskijs will auch "Stalker" nicht überwältigen, sondern eine konzentrierte, emotionale wie intellektuelle Beschäftigung provozieren, die über seinen Anlaß, den Film, auf existentielles Gebiet übergreift. Der auratische Charakter dieser abgründigen Wanderung ins Imaginäre bietet dafür die beste Gewähr.

Quelle: Lexikon des internationalen Films 1999/2000 (CD-ROM) Copyright 1999 Systhema Verlag, München