In den 25 Jahren seines beruflichen Wirkens hat der Russe Andrej Tarkowskij (4.4.1932 - 29.12.1986) gerade acht Filme fertigstellen können. Das ist ein schmales Werk. Aber es gehört zum Vollkommensten, was das Kino in der Geschichte seines 100jährigen Bestehens hervorgebracht hat, wie namhafte und kritische Experten, auch zehn Jahre nach dem Tod des Regisseurs, versichern, u.a. mit der Begründung, daß "ein unheimlicher Zauber" von diesen Filmen ausgehe und daß es ihrem Autor wie keinem anderen gelungen sei, "schlafende Gefühle im Zuschauer zu neuem Leben zu erwecken!" (Sven Nykvist, vgl. dazu die von Tarkowskijs Schwester Marina gesammelten und herausgegebenen Zeugnisse von Mitarbeitern ihres Bruders, die unter dem Titel "About Tarkowsky" vom Progress Verlag in Moskau veröffentlicht worden sind, 1990.) Allerdings hat es recht lange gedauert, bis diese Qualitäten wahrgenommen und von Publikum bestätigt werden konnten, denn die damalige sowjetische Kulturbürokratie hat praktisch keine Mittel gescheut, um den eigenwilligen nichtkonformistischen Tarkowskij an der Entfaltung seiner Kreativität zu hindern und ihm das Leben schwer, d.h. schier unmöglich zu machen. Mit dem spirituellen und filmkünstlerischen Interesse an einem Mönch und Ikonenmaler aus dem 14. Jh. waren die Konflikte mit der Staatsideologie vorprogrammiert, auch wenn dieser heiligmäßige Mönch Andrej Rubljow hieß und ohne jeden Zweifel zu den signifikanten Exponenten der russischen Spiritualität und Religiosität gehört. Auch autobiografische Rückblenden in die Kindheit, wie sie in "Der Spiegel" ("Serkalo") dargestellt werden, waren verpönt, weil damit eine Lanze für die Rechte und die Würde des Individuums gebrochen wurde, statt daß die Errungenschaften des Kollektivs und des Kollektivismus im Zentrum standen. "Subjektivistisch", "narzißtisch", "metaphysisch" usw. hießen denn auch die Schimpfworte, mit denen man dem unbequemen und religiösen Autor zu schaden versuchte. Schaden, auch seelischen, haben in der Folge die konkreten Zensurmaßnahmen angerichtet. RETTENDE UND ERLÖSENDE AUFGABE Schon Tarkowskijs erster Film "Iwans Kindheit" war Kindervorführungen vorbehalten, und sein Meisterwerk "Andrej Rubljow" durfte erst sieben Jahre nach seiner Fertigstellung für ausländische Festivals und Verleiher freigegeben werden. Um künstlerisch und menschlich überleben zu können, entschied sich Tarkowskij demzufolge 1984 für den Weg ins - westeuropäische - Exil. Schweren Herzens, weil er seine Heimat liebte! Die - russische - Schwermut, die den Regisseur (auch) im Ausland begleitete, hat in den letzten beiden Filmen, "Nostalghia" und "Opfer" überdeutliche Spuren hinterlassen, wie bereits die Titel und nicht erst die Inhalte, die Stimmungen und die Protagonisten dieser Filme verraten, die in Italien und in Schweden gedreht worden sind. Ganz in der russischen Tradition und Geistigkeit steht auch Tarkowskijs Auffassung von Kunst. Denn er weist ihr, altmodisch und "voraufklärerisch" wie viele "Wessis" meinen, eine rettende und erlösende Aufgabe zu. "Wahre" Kunst soll, Tarkowskij zufolge, den Betrachter nicht nur unterhalten oder ablenken, sondern in seiner Seele eine Katharsis bewirken, ihm helfen "sein Handeln mit dem eigenen Gewissen in Einklang zu bringen", wie der Regisseur in seinen diesbezüglichen theoretischen Ausführungen, die unter dem Titel "Die versiegelte Zeit" (Ullstein Verlag, Berlin 1985) herausgekommen sind, immer wieder unterstreicht. Und zwar sehr nachhaltig, weil er befürchtete, daß die sich ausbreitende Konsumkultur mit dem sie begleitenden Materialismus und Machbarkeitswahn die geistig-spirituellen Möglichkeiten des Menschen nicht mehr wahrzunehmen vermöge, geschweige denn zum Zuge kommen lasse. Darin gründete seine Auffassung, "daß wir eine Zivilisation geschaffen haben, die die gesamte Menschheit zu vernichten droht" (Schlußwort in "Die versiegelte Zeit"). Davor warnen poetische und prophetische Gestalten und Narren wie Stalker, Domenico, Gortschakow ("Nostalghia"), Otto, Alexander ("Opfer") in seinen Filmen - ein vernünftiges, normales, (spieß-)bürgerliches Publikum, das keine Antennen für solche Wahrnehmungen mehr hat. Aber diese Figuren, in denen ohne Mühe das Alter Ego des Regisseurs zu erkennen ist, geben sich trotz ihres Pessimismus nicht mit rein negativen Bestandsaufnahmen über den Stand der Dinge und über die (hoffnungslose) Zukunft der Welt zufrieden. Sie brechen auf und gehen auf die Suche nach einem neuen Sinn, d.h. nach der "Zone", nach dem "Zimmer", nach dem "Haus" - um einige der Chiffren und Metaphern anzudeuten, mit denen Tarkowskij Orte und Zustände signalisiert, "wo die tiefsten Sehnsüchte des Menschen Erfüllung finden sollen"! Vorzugsweise dann, wenn der Mensch bereit ist, einen Blick in sich selbst zu werfen und zu erschrecken, wie "tragisch unvollkommen" und leer der innere Zustand unter den gegenwärtigen Verhältnissen geworden ist. PROZESS DER SINNSUCHE Bei diesem Prozeß der Sinnsuche, der Bewußtwerdung und der "Umkehr", für den man früher das Wort "Reue" verwendet hätte, sind seltsame Gelände mit Tümpeln, Zivilisationsmüll und Ruinen zu durchqueren, die den Verlust an menschlicher Würde und den Frevel des Menschen an der Schöpfung charakterisieren. Es handelt sich bei dieser Umkehr um einen "Weg der Qual", bei dem historische ("Andrej Rubljow"), psychoanalytische ("Der Spiegel"), kosmische ("Solaris") und apokalyptische Räume ("Opfer") durchschritten werden müssen, damit eine neue Nachdenklichkeit und neue Gefühle über das spezifisch Menschliche entstehen und "über das Ewige, das in jedem von uns lebt" ("Die versiegelte Zeit", S. 225). Zu diesem "Ewigen" zählt Tarkowskij, der christlichen Tradition entsprechend, die menschliche Liebe. "Im 'Stalker' spreche ich es offen und konsequent aus, daß die menschliche Liebe jenes Wunder - jene Zone - ist, das jedwedem trockenem Theoretisieren über die Hoffnungslosigkeit der Welt erfolgreichen Widerstand entgegenzusetzen vermag." ("Die versiegelte Zeit", S. 224) INNOVATIVER BILDSTIL Um diese Suche nach Sinn und nach den "verschütteten Quellen unserer Existenz" sinnlich wahrnehmbar zu machen, hat Tarkowskij einen unverwechselbaren, innovativen, assoziativen und poetischen Film- und Bildstil entwickelt. Innovativ, weil er wegführt vom landläufigen Erzählkino und der Filmkunst neue Raum- und Zeitperspektiven eröffnet, die das Sichtbare ins Unsichtbare und das Endliche ins Unendliche hinein verlängern und vertiefen. Eine durchdachte Lichtdramaturgie, meditative Kamerafahrten, sowie die höchst differenzierte Orchestrierung von Farben, Tönen und Geräuschen sind dabei zu wichtigen Gestaltungsinstrumenten geworden. Dadurch erhalten diese Bilder und Bildkompositionen eine mehrdimensionale, polyvalente, sinnlich-übersinnliche, materielle und spirituelle, ethische und ästhetische Dimension, die sich letztlich auf die platonische Philosophie von der Relation des Urbildes zum Abbild berufen kann, wie sie in der orthodoxen Tradition - als weiteres Teilelement der russischen Identität - bis heute weiterlebt. Das unsichtbare Urbild ist im sichtbaren Abbild, im Realen und "Realistischen" zu suchen und zu erkennen, nicht darüber und nicht dahinter! In dem Sinne hat der Regisseur, zur Verwirrung vieler Zuschauer, immer wieder beteuert, "daß es in meinen Filmen keinerlei Symbole und Metaphern gibt" ("Die versiegelte Zeit", S. 235), um dann - im persönlichen Gespräch - den folgenschweren Schlüsselsatz hinzuzufügen: "Die Natur selbst, inklusive der Mensch, der dazu gehört, ist die Ikone!" Der tiefere Sinn, die Bedeutung sollte, anders als im "Symbolkino", nicht von außen mit bedeutungsschweren Erklärungen, Überbauungen, Phrasen und (frommen) Worten an die Wirklichkeit der Dinge herangetragen werden, denn dem Künstler und der Kunst kommt die anspruchsvolle Aufgabe zu, den dynamischen Kern oder die "Energie" der Realität von ihrer unmittelbaren Präsenz her aufleuchten zu lassen. Das ist ein Erkenntnisvorgang und ein Wahrnehmungsakt, der - nach orthodoxem Verständnis, mit dem Tarkowskij groß geworden ist - etwas "Epiphanisches" oder etwas "Sakramentales" an sich hat. In diesem Sinne "bedeutet" Wasser (und Regen in allen Varianten) bei Tarkowskij eben doch mehr als Wasser und Brot und Wein (z.B. in "Nostalghia") eben mehr als Brot und Wein. Das ist eine archaische, religiöse, mythische, spirituelle und vor allem auch eine eschatologische und eine poetische Vision der Welt. Vorwiegend abstrakte und analytische, aber auch "esoterische" Annäherungsversuche werden sie kaum erschließen und zu entschlüsseln vermögen. Tarkowskij selbst hat seiner "Gemeinde" den kontemplativen Blick empfohlen: "Wie in den Anblick einer Landschaft, oder wie in das Hören von Musik soll man sich in die Filme versenken", damit ein Filmerlebnis zustande kommt. Nachdem in diesem Sommer und Herbst eine Reihe von lärmenden und seelenlosen amerikanischen Recycling-Filmen zu sehen war, dürfte eine solch "kontemplative" Anstrengung schwieriger, aber, als Alternative dazu, nicht weniger lohnend geworden sein!
Quelle: Lexikon des internationalen Films 1999/2000 (CD-ROM) Copyright 1999 Systhema Verlag, München