Gertrud Kolmar 10.12.1894 - 1943(?)
"Ich bin im Dunkel und allein. Und neben mir lehnt doch die Tür. Wenn ich sie klinke, steh ich ganz im Licht." Dichterin ohne Publikum; Randfigur; eine unbekannte, vergessene
Autorin - Angesichts solcher Einschätzungen wundert es nicht, daß Gertrud
Kolmar bis heute von der Öffentlichkeit und Forschung kaum wahrgenommen
wird. Die Gründe für das Vergessen, dem sie so unverdient ausgesetzt ist,
sind in ihrer Biographie und dem spezifischen Charakter ihres Werkes zu
suchen. "So steh ich weisend, was mir widerfuhr; Denn harte Lauge hat es wohl gebleicht, Doch keine hat es gänzlich ausgespült. So ruf ich dich. Mein Ruf ist dünn und leicht. Du hörst, was spricht. Vernimmst du auch, was fühlt?" Mit ihrem Vater verband Gertrud Kolmar die gemeinsame Liebe
für die Literatur; im allgemeinen fühlte sie sich jedoch nicht ausreichend
in die Familie integriert. Die Einsamkeit und Verschlossenheit der jungen
Kolmar entstand aus einer sehr frühen aber nachhaltigen Beeinträchtigung
in ihrer Verbindung zur Mutter. In ihren Augen wurde sie, mit der Geburt
der jüngeren Geschwister, von der Mutter nicht mehr ausreichend geliebt
und anerkannt. Es kam zu einer Störung in der Beziehung des Kindes zu
sich selbst, zur Entwicklung eines unsicheren, schwankenden Selbstwertgefühls.
"Ich hab' die Vokabeln ewig, treu (soweit sie auf meinen Partner Anwendung finden sollten) von vornherein aus meinem Wörterbuche gestrichen. Wozu wohl auch schon der Umstand mich führte, daß ich niemals "die Eine" war, immer "die Andere" Gertrud Kolmar schuf ihre Dichtung in selbstgewählter häuslicher
Zurückgezogenheit. Sie war eine Autorin ohne ernsthafte Kontakte und Verbindungen
zu ihrem sozialen und literarischen Umfeld. Ihre wichtigste Publikation,
der Gedichtband "Die Frau und die Tiere", erschien 1938 im jüdischen Buchverlag
Erwin Löwe; er fiel unmittelbar nach dem Erscheinen der nationalsozialistischen
Zensur zum Opfer. So entstand ihr Werk weitgehend ohne Leserschaft, ohne
literarische Kritik. "Eishagel tanzte höhnend auf den Steinen. Da klaffte schwarz ein Schacht. Drein ließ ich die zerbrochnen Arme hangen.- Geblüht und Frucht getragen - und vergangen In einer Nacht." Die Fähigkeit, in Personen, Tiere, Pflanzen, Gegenstände
hineinzugleiten, tote Dinge und erstarrte Zeichen mit in das Leben zurückzubeschreiben,
erprobt Gertrud Kolmar vor allem in ihren Wappengedichten. Sie geht aus
von den Bildern preußischer Stadtwappen, die sie auf bunten Sammelbildchen
als Vorlage für ihre Betrachtungen und Interpretationen nutzt. "Meine Aufgabe hat immer gleichsam in mir gelegen; da liegt sie noch, und was ich suche, ist nur der geeignete Ort, an dem ich mich ihr widmen kann. [...] Die Tatsache, daß mein Schaffen anderen Menschen etwas gibt, macht mir, so erfreulich sie ist, doch nicht solche Freude wie das Schaffen selbst." Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler und Gertrud Kolmar. Diese
drei großen Lyrikerinnen haben nicht nur die zeitliche Parallelität und
die Herkunft aus dem jüdischen Bürgertum gemeinsam. Sie verbindet auch
ihre poetische Thematik und die Holocaust-Tragödie. Nelly Sachs und Else
Lasker-Schüler überlebten die Verfolgung durch die Nationalsozialisten
und mit ihnen auch die Beachtung ihres lyrischen Werkes. © H. Daeschner |
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