Gertrud Kolmar 10.12.1894 - 1943(?)


"Ich bin im Dunkel und allein. Und neben mir lehnt doch die Tür. Wenn ich sie klinke, steh ich ganz im Licht."

Dichterin ohne Publikum; Randfigur; eine unbekannte, vergessene Autorin - Angesichts solcher Einschätzungen wundert es nicht, daß Gertrud Kolmar bis heute von der Öffentlichkeit und Forschung kaum wahrgenommen wird. Die Gründe für das Vergessen, dem sie so unverdient ausgesetzt ist, sind in ihrer Biographie und dem spezifischen Charakter ihres Werkes zu suchen.
Trotz der liebevollen Aufmerksamkeit, die ihr als erstgeborener Tochter entgegengebracht wurde; und trotz des wohlhabenden kultivierten Milieus, in dem sie aufwuchs: Gertrud Kolmar hat keine glückliche Kindheit erlebt. Es stand, wie sie selbst später vorsichtig formulierte, "kein wolkenlos blauer Himmel über meiner Kindheit und Jugend."

"So steh ich weisend, was mir widerfuhr; Denn harte Lauge hat es wohl gebleicht, Doch keine hat es gänzlich ausgespült. So ruf ich dich. Mein Ruf ist dünn und leicht. Du hörst, was spricht. Vernimmst du auch, was fühlt?"

Mit ihrem Vater verband Gertrud Kolmar die gemeinsame Liebe für die Literatur; im allgemeinen fühlte sie sich jedoch nicht ausreichend in die Familie integriert. Die Einsamkeit und Verschlossenheit der jungen Kolmar entstand aus einer sehr frühen aber nachhaltigen Beeinträchtigung in ihrer Verbindung zur Mutter. In ihren Augen wurde sie, mit der Geburt der jüngeren Geschwister, von der Mutter nicht mehr ausreichend geliebt und anerkannt. Es kam zu einer Störung in der Beziehung des Kindes zu sich selbst, zur Entwicklung eines unsicheren, schwankenden Selbstwertgefühls.
Die Heranwachsende zog sich mehr und mehr von ihrer Umwelt zurück und begann alle Äußerlichkeiten, wie hübsche Kleidung oder das Herumalbern mit Gleichaltrigen, abzulegen. Photographien aus jener Zeit zeigen ein beinahe unkindlich ernstes Gesicht; interessant, aber nicht schön, in dem besonders die großen dunklen Augen auffallen. Aus den wenigen Äußerungen in den "Briefen an die Schwester Hilde" wissen wir, daß die Liebesbeziehungen der Dichterin jedesmal scheiterten. In diesen Briefen beteuert Gertrud Kolmar immer wieder ihre Sehnsucht, in der Rolle der Mutter und Ehefrau aufgehen zu dürfen. Im Leben hat sie diese Möglichkeit nie gefunden und vielleicht auch nie gesucht.

"Ich hab' die Vokabeln ewig, treu (soweit sie auf meinen Partner Anwendung finden sollten) von vornherein aus meinem Wörterbuche gestrichen. Wozu wohl auch schon der Umstand mich führte, daß ich niemals "die Eine" war, immer "die Andere"

Gertrud Kolmar schuf ihre Dichtung in selbstgewählter häuslicher Zurückgezogenheit. Sie war eine Autorin ohne ernsthafte Kontakte und Verbindungen zu ihrem sozialen und literarischen Umfeld. Ihre wichtigste Publikation, der Gedichtband "Die Frau und die Tiere", erschien 1938 im jüdischen Buchverlag Erwin Löwe; er fiel unmittelbar nach dem Erscheinen der nationalsozialistischen Zensur zum Opfer. So entstand ihr Werk weitgehend ohne Leserschaft, ohne literarische Kritik.
Die unbeachtete Randposition, in der sich das lyrische Werk Gertrud Kolmars schon zu ihren Lebzeiten befand und heute noch immer befindet, ist nicht nur durch die Zurückgezogenheit und Verschlossenheit der Autorin bedingt. Auch und vor allem ihre traditionelle Themen- und Formenwahl, ihre poetische Fixierung auf unglückliche Frauenschicksale, auf Kinder, Tiere und Natur, gehörte schon zu ihrer Zeit einer vergangenen Epoche und einem überholten Lyrikgeschmack an.

"Eishagel tanzte höhnend auf den Steinen. Da klaffte schwarz ein Schacht. Drein ließ ich die zerbrochnen Arme hangen.- Geblüht und Frucht getragen - und vergangen In einer Nacht."

Die Fähigkeit, in Personen, Tiere, Pflanzen, Gegenstände hineinzugleiten, tote Dinge und erstarrte Zeichen mit in das Leben zurückzubeschreiben, erprobt Gertrud Kolmar vor allem in ihren Wappengedichten. Sie geht aus von den Bildern preußischer Stadtwappen, die sie auf bunten Sammelbildchen als Vorlage für ihre Betrachtungen und Interpretationen nutzt.
Der Eindruck eines Wappenbildes, in dem bereits die reale Welt in mythische Zeichen komprimiert ist, wird von ihr in Handlungen, Geschichten und Träume aufgelöst. Dabei gelingt ihr der Zauber, mit Wörtern aus der Welt der Vernunft, eine neue, magische Realität zu schaffen. Sprachlich glückt Gertrud Kolmar dieser Sprung aus der Welt der Augeneindrücke in ihre magischen Bildersprache vor allem mit Hilfe der Metapher. In ihr rebellieren die Wörter gegen die Ordnung der Logik; werden Grenzen aufgehoben, Gegensätze verbunden.

Ob Gertrud Kolmar Liebes-, Natur- oder Wappengedichte, ob sie vom Kind, von Robespierre oder dem jüdischen Volk schreibt: Ihr Thema ist die Einsamkeit. In der wilheminischen Zeit, mit der aufkommenden technischen und industriellen Revolution des Alltags, kann sich der Mensch nicht mehr Zuhause fühlen. Aber sie gibt sich mit diesem Zustand nicht zufrieden. Sie hält ihre Sehnsucht mit einem nie ermüdenden Gefühl wach und setzt der Realität ihre Vision einer Welt entgegen, die frei vom Zwang der Verwertbarkeit und Nützlichkeit ist.
Schweigen, Schönheit, Sinnen, Stille, Sein: Gertrud Kolmars bevorzugtes Vokabular. Ihre Gedichte wollen nichts vor-, nach-, auf- oder beweisen.

"Meine Aufgabe hat immer gleichsam in mir gelegen; da liegt sie noch, und was ich suche, ist nur der geeignete Ort, an dem ich mich ihr widmen kann. [...] Die Tatsache, daß mein Schaffen anderen Menschen etwas gibt, macht mir, so erfreulich sie ist, doch nicht solche Freude wie das Schaffen selbst."

Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler und Gertrud Kolmar. Diese drei großen Lyrikerinnen haben nicht nur die zeitliche Parallelität und die Herkunft aus dem jüdischen Bürgertum gemeinsam. Sie verbindet auch ihre poetische Thematik und die Holocaust-Tragödie. Nelly Sachs und Else Lasker-Schüler überlebten die Verfolgung durch die Nationalsozialisten und mit ihnen auch die Beachtung ihres lyrischen Werkes.
Gertrud Kolmar wurde am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert und fast zehn Jahre später unter der Nummer 52095 für tot erklärt. Niemand weiß ihre Todesstunde, niemand kennt ihren Todestag. Und mit ihr, so scheint es, starb auch die öffentliche Beachtung für ihr einzigartiges und umfangreiches lyrisches Schaffen.

© H. Daeschner

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